Siedler über sich – 2. Asher

Wer sind wir, die Siedler, und was wollen wir? Warum leben wir dort, wo wir leben?

Lest und hört, was Israelis aus jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria euch aus erster Hand zu erzählen haben. Trefft junge Frauen wie Orli, Daniel und seine Freunde, den ehemaligen Vizevorstand von Judäa und Samaria Yigal Dilmoni, einen Kibbutznik aus Migdal Oz, Asher – den Sohn amerikanisch-russischer Einwanderer; den “starken Mann” Yossi aus den Bergen, die “Frauen in Grün” – und viele mehr.


Der nächste in unserer Interview-Reihe ist Asher. Asher ist ein junger Mann, der schon die Schule fertig hat und nun in einem Vorbereitungsinternat auf seine Rekrutierung in

Häuserpanorama, Neve Daniel
Häuserpanorama, Neve Daniel
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Neve Daniel im Abendlicht

die israelische Armee wartet. Asher hat eine für junge Israelis der heutigen Generation typische Familiengeschichte: Seine Eltern sind Einwanderer, die Mutter aus den USA, der Vater aus Weißrussland. Seine Mutter kommt aus einer religiösen Familie, sein Vater hat die jüdische Tradition erst als junger Erwachsener entdeckt. Beide haben sie unabhängig voneinander beschlossen, nach Israel einzuwandern und hier ein neues jüdisches Leben anzufangen. Nach einem ersten Aufenthalt in Jerusalem beschlossen sie, die Besiedlung von Judäa und Samaria in die eigenen Hände zu nehmen und Teil dieser Gesellschaft zu werden. Sie zogen mit dem kleinen Asher und seiner älteren Schwester in die Gegend von Gush Etzion und dort wurden weitere 4 Geschwister geboren. So sind eigentlich alle Geschwister des 19-Jährigen richtige „Siedlerkinder“.

Nevedaniel
Neve Daniel auf der Karte

Asher und seine Familie leben schon viele Jahre in der Siedlung Neve Daniel, die für ihren gehobenen Lebensstandart bekannt ist. Der Vater ein erfolgreicher Ingenieur und die Mutter in Philantropie und der Organisation von Studentenausflügen tätig.

Hier könnt ihr etwas mehr von Asher selbst erfahren:

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Chajm Guski (Chajms Sicht) ueber DieSiedlerin.net

Eine schoene Ueberraschung erwartete mich, als ich von Chajm Guski, Publizist, Organisator und Blogger aus dem Ruhrgebiet, die Nachricht ueber diesen Post bekam:

Siedleralltag

Eine wunderbare Referenz zu meinem Blog, und eine Ehre, eine Erwaehnung auf so einer professionellen und altbekannten Plattform zu finden, vielen Dank, Chajm! 🙂

Schoenen Tag allen, bald folgen weitere Interviews aus der neuen Reihe!

Chaya

Wer sind wir? Siedler über sich – 1. Orli

Wer sind wir, die Siedler, und was wollen wir? Warum leben wir dort, wo wir leben? Wo kommen wir her, wer sind unsere Eltern, was machen unsere Partner und Kinder? Wer von uns war vorher ein Großstadtkind, wer ist einer Idee nachgelaufen, wer hat mit der Siedlung einen Kindheitstraum erfüllt und wer hätte niemals daran gedacht, in eine zu ziehen? Sehen wir uns in einem Krieg, oder träumen wir von einer „dritten Lösung“? Was denken wir wirklich über den Friedensprozess, sehen wir eine Zukunft in der Siedlungsbewegung und ist Olivenhain-Verwüstung und Graffiti-Sprayen wirklich unser liebstes Hobby?

Lest und hört, was Israelis aus jüdischen Siedlungen in Judäa und Samaria euch aus erster Hand zu erzählen haben. Trefft junge Frauen wie Orli, den 18-jährigen Daniel und seine Freunde, den ehemaligen Vizevorstand von Judäa und Samaria Yigal Dimoni, einen älteren Kibbutznik aus Migdal Oz, Asher – den Sohn amerikanisch-russischer Einwanderer, der kurz vor dem Armeeeinzug steht; den „starken Mann“ Yossi aus den Bergen von Samaria, die „Frauen in Grün“ – und viele mehr.

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Wo liegt Ma’ale Michmash? Klick aufs Bild!

 

Wir beginnen mit Orli, 26, aus der Siedlung Ma’ale Michmash im Regionalkreis „Binjamin“, nördlich von Jerusalem. 

Kommentare zum besseren Verständnis der Begriffe sind mit „z.E.“ (zur Ergänzung) und mit Klammern versehen.

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Orli

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Ich komme aus Jerusalem und bis zu meiner Hochzeit wohnte ich dort mit meinen Eltern. Nach der Heirat sind wir nach Ma’ale Michmash umgezogen. Wirhleben hier an die 7 Monate. Ich bin in der Sozialarbeit tätig und mache eine Ausbildung zur Reiseleiterin. Ich habe in einer Ulpana (religiöse Mädchenschule, z.E.) für Künste gelernt und nach 2 Jahren Zivildienst habe ich auch in „Machon Ora“ (einem Institut für jüdische Religion und Philosophie, z.E.) gelernt. Sozialarbeit habe ich in drei Jahren in einer orthodoxen Akademie studiert.

‚Warum seid ihr nach Michmash gezogen?‘

Wir haben ein gemeinschaftlich-religiöses Kollektiv in der Nähe von Jerusalem gesucht.

‚Kennst du ein wenig die Geschichte von Michmash – aus früherer und moderner Zeit?‘

Ich kenne mich nicht genug aus, aber ich weiß, dass Michmash in den Heiligen Schriften als eine der Ansiedlungen bekannt ist, zu der Jonathan, der Sohn König Shauls, gelangt, und es gibt weitere Nennungen. Die moderne Siedlung wurde in den 80er Jahren gegründet, soweit ich es weiß, als Teil des Siedlungsprogrammes des Landes Israel. Die Gebiete wurden im Sechstagekrieg 1967 befreit, und darunter fallen auch die Gebiete von Samaria und Binjamin (südlicher Teil des Samaria-Gebiets, nördlich von Jerusalem, z.E.). Das folgte einem Aufruf von Rabbiner Zwi Jehuda Kuk.

‚Was hat das Leben in Michmash für dich für eine Bedeutung? Hast du dich schon gut akklimatisiert?‘

Wir werden noch als relativ neu hier gesehen, und wir freuen uns, dass wir hierhergekommen sind. Das sind einige der Gründe:

  • Wir haben das Privileg, das Gebot der Besiedlung des Landes Israel zu erfüllen, und einen Ort zu stärken, der leider momentan, dem Konsens zufolge, nicht als Teil der jüdischen Geschichte wahrgenommen wird.
  • Von dem sozialen Aspekt her ist die Siedlung wunderbar – die Menschen sind sehr freundlich, interessieren sich, laden uns ein und helfen, wo sie können. Es gibt viele Aktivitäten, und ein Gefühl von Gemeinschaftlichkeit und echter Solidarität.
  • Wir haben wunderschöne Aussicht auf die Berge von Binjamin.
  • Der Karavan, in dem wir leben, ist vergleichsweise neu, gut gehalten und angenehm, und unserer Meinung nach kann man als junges Paar, das noch ganz am Anfang ist, gar nicht mehr verlangen. Dazu kommt, dass die Wohnpreise hier relativ niedrig sind. Und trotz des Umzugs haben wir uns gar nicht so sehr von Jerusalem entfernt – es sind nur 15 Minuten Fahrt bis dorthin. Und neben uns gibt es ein sehr entwickeltes Industriegebiet, sehr bequem. Wir haben kein Auto, aber von der Flexibilität her ist es nicht so schlimm – es gibt einen Bus zur Siedlung und viele Tramp-Möglichkeiten.

    Im Inneren von Orlis Karavan
  • Die Gemeindeverwaltung kümmert sich um die Belangen der Einwohner – Einkaufsladen, Synagogen, Kindergärten, Schulen, Spielplätze, Mikwe (rituelles Tauchbad, z.E.), andererseits lässt sie aber auch genug Platz für ein Gefühl von familiärer und intimer Atmosphäre.

‚Was sind für dich die Hauptunterschiede zwischen dem Leben in einer Großstadt und einer Siedlung?‘

Der zentrale Unterschied, meiner Meinung nach, zwischen den beiden ist die Lebensqualität: Hier gibt Ruhe und Aussicht den ganzen Tag lang, was in einer Stadt selten zu finden ist, und es gibt eine große Solidarität unter den Bewohnern; auch das findet man eher seltener in einer Stadt.

Am liebsten mag ich es, die Jalousien am Morgen hochzuheben und auf die Berge zu schauen, die sich mir direkt vor den Füßen ausbreiten, und kaum zu glauben, dass das hier mein Heim ist. Das Gefühl ist, als würde ich im Urlaub wohnen.

‚Hast du irgendwelche Bedenken gegen das Wohnen hier? Was die Sicherheitssituation anbetrifft, zum Beispiel?‘

Was Sicherheit angeht, so muss man wachsam und vorsichtig sein, aber es gibt Überwachung in der Siedlung selbst und wir fühlen uns nicht permanent in Angst versetzt.

‚Wie empfindest du die Gesellschaft, in der du lebst? Erzähl mir ein wenig über sie.‘

Die Gemeinschaft hier, wie gesagt, ist sehr solidarisch. Fast alle Einwohner kennen einander. Es gibt viele gemeinsame Aktivitäten  – Tora-Unterricht, Hobby-Gruppen und anderes mehr. Man hilft viel untereinander. Die Siedlung selbst ist sehr heterogen vom religiösen Aspekt her. Es gibt hier ein breites Spektrum an religiösem Lebenswandel. Es gibt nicht das Gefühl, dass die Gemeinschaft irgendwie erdrückend auf dich wirkt oder in deine Privatsphäre eindringt.

‚Gibt es irgendwelchen Kontakt zwischen euch und den Arabern, die in der Umgebung wohnen?‘

Soweit ich weiß, gibt es keinen. Manchmal kommen hierher arabische Arbeiter, die auf dem Bau tätig sind. Aber das wird nur unter Überwachung getan.

‚Würdest du es empfehlen, in einer Siedlung zu wohnen?‘

Auf jeden Fall. Außer des Gebotes, das Land Israel zu besiedeln, gibt es hier wirkliche Lebensqualität. Die Wohnungspreise sind erschwinglich und es gibt warmherzige Menschen, die einen umarmen. Aber meines Erachtens gibt es viele Orte, an denen es wichtig ist, zu wohnen, und jeder soll sich seine Aufgabe suchen.

‚Siehst du eine Zukunft für die jüdische Siedlerbewegung in Judäa und Samaria?‘

Definitiv. Trotz aller Androhungen, den Bau einzufrieren und trotz der Abrisse floriert die eigentliche Siedlungsaktivität, und mehr und mehr Dörfer weiten sich aus; auch in Michmash baut man. Immer mehr Attraktionen und Services werden für die Bewohner hier eröffnet, und die Infrastruktur entwickelt sich weiter. Gott sei Dank ist die Besiedlung ein Fakt, den man nicht ignorieren kann, und so Gott will, wird sie immer weiter wachsen. Hauptsache, dass wir uns daran erinnern, dass dies das Land unserer Vorfahren ist, wir haben es niemandem weggenommen, und es gehört uns nicht weniger als Tel Aviv, Nahariya oder Dimona.

©2015 Chaya Tal. Ohne ausdrückliche Genehmigung darf keins der Bilder oder Ausschnitte aus dem Interview in welchem Format auch immer veröffentlicht werden,

 

-> Der Feind in meinem Bus, BR+ARD

„Der Feind in meinem Bus“, ein Projekt des Bayerischen Rundfunks in Zusammenarbeit mit der Redaktion des ARD. 

Es ist nicht meine Absicht gewesen, auf diesen Bericht zu stoßen, aber da er nunmal im Netz schon sein Unwesen treibt, will ich ihn ncht ignorieren, sondern ein wenig unter die Lupe nehmen. 

⇒ Ein imposantes Multimediaprojekt mit dem reißerischen Titel „Der Feind in meinem Bus“, das den erniedrigenden Arbeitsweg eines Palästinensers aus dem „Westjordanland“ nach Tel Aviv für alle Sinne einleuchtend darstellen soll. Eins mit neuem Design, Vollbildauflösung und wenig erkennen lassenden, dramatisch beleuchteten Fotoaufnahmen; es gibt keine Videodarstellung, und die wenigen Hördateien, die vor allem die unverständlichen Geräusche der Umgebung und den Erzähler auf Arabisch wiedergeben sollen, lassen nur mithilfe des knappen Begleittextes erahnen, worum es eigentlich geht. Auf authetische Effekte und Darstellungsknappheit, verbunden mit eindeutiger Botschaft ohne Platz zum Hinterfragen, wird hoher Wert gelegt.

Der Titel ist groß und auffällig, aber eigentlich handelt nahezu der gesamte Artikel davon, wie der Palästinenser Attah Saleh, 36, aus dem Dorf Kuft al-Dik nahe Ariel, gerade nicht wie „die Siedler„, mit einem Bus direkt zu seiner Arbeit in Tel Aviv fährt. Er handelt vielmehr davon, wie Attah Saleh jeden Morgen einen Checkpoint vom „palästinensischen Gebiet“ aus ins „israelische Kernland“ passieren muss, und das dauert sehr lange, so die Aussage des Artikels.

⇒ Checkpoint signalisiert Prüfung, Überprüfung. Ein Checkpoint (‚Machsom‚, Barriere im Hebräischen) ist aber nichts anderes als ein Grenzübergang zwischen dem zum palästinensischen erklärten Gebiet und dem „israelischen Kernland“. Als solcher wird er allerdings nicht wahrgenommen. Die Urheber der Checkpoint-Angelegenheit  werden relativ schwammig vorgestellt: Es sind „die Siedler“, und „Israel“.Die Siedler“ gelangen zu ihrer Arbeit, offenbar allesamt in Tel Aviv, in der Hälfte der Zeit, die Saleh braucht, um den Prüfpunkt zu passieren und in Tel Aviv anzukommen – nämlich in 3 statt anderthalb Stunden. Das wird zwar gänzlich nicht belegt, und lediglich mit der Prüfung am Grenzübergang abgetan, und unklar ist auch, ob der arme Saleh jetzt 2 Stunden zum Grenzübergang gelang, an diesem 2 Stunden steht oder ob er vielleicht anderthalb Stunden im Stau nach Tel Aviv steht, was durchaus alltäglich wäre, das auch noch um die Hauptreisezeit. Fährt er doch mit dem regulären Linienbus.

Jedenfalls, wir müssen BR glauben, dass die 3 Stunden für Saleh irgendwie mit dem Grenzübergang zu tun haben.

⇒ Wieso eigentlich Grenzübergang?

„Der Grund: Im Westjordanland sind israelische Siedler und Palästinenser durch einen Sperrzaun getrennt“.

FALSCH. Das „israelische Kernland“ ist von zahlreichen palästinensischen Ortschaften mit einem Zaun getrennt. Nicht in dieses „Kernland“ integrierte Siedlungen – dutzende davon in Samaria, Binyamin und Judäa! – liegen Straße an Straße, Hügel an Hügel, an den arabischen Städten und Dörfern. Da Israel das Gebiet von Judäa und Samaria nach dem 6-Tage-Krieg 1967 nicht annektiert, sondern lediglich besetzt hat, hat es nicht den Status eines offiziellen Staatsgebietes. Deshalb sind auch Grenzübergänge errichtet worden. Laut Behauptung der Reporterin, der BR-Volontärin Patrizia Schlosser, hat Israel dieses Gebiet, das bei mir stets in Anführungszeichen so auftauchen wird, als „palästinensisches Gebiet“ 1967 erobert. Dabei wurde es von den Jordaniern 1948 erobert und 1967 von den Israelis im Krieg gegen Jordanier und lokale Araber erkämpft. Und nie und nimmer als „palästinensisches Gebiet“ besetzt. Auch wenn es heute gerne als solches verkauft wird. Demnach WIEDER FALSCH.

⇒ Es gibt einige Aussagen, die selbstverständlich in ihrer absurden Knappheit einen in israelischer Geografie unbewanderten Leser völlig in Verwirrung führen. Das tun sie  zu Recht: In der Landkarte, die die Lage von Tel Aviv, Ariel und Kufr al-Dik verdeutlichen soll, sind kaum Straßen eingezeichnet, es ist unklar, welche Städte sich genau wo befinden; die Einfahrten ins „Kernland“ werden nicht verdeutlicht. In der Karte ist von einem Checkpoint die Rede, im Text einige Folien später von einem gänzlich anderen. Weshalb ausgerechnet ein Checkpoint in der Nähe von Jerusalem derjenige sein soll, welchen Saleh nach Tel Aviv nehmen muss (die Karte zeigt auf eine ganz andere Gegend!), ist unklar. Aber das Design stimmt, und die freundlich-besorgte weibliche Stimme der P.Schlosser erzählt weiter.

⇒ Es kommen einige Abschnitte über den Übergang selbst, welchen Soldaten kontrollieren. Aussagekräftig wird es natürlich, als gesagt wird, die einen sollen „nach rechts“, die anderen „nach links“ und die saftige Beschreibung der Drehkreuze mit dem grünen oder roten Licht zum Passieren. Stickig. Viele Menschen. Soldatenstimmen im Hintergrund. KZ-Atmosphäre pur.

Unerwähnt: Rushhour-Arbeitsstunde; Routinekontrollen von Fremdbürgern beim Einlass in einen anderen Staat; Sicherheitsvorkehrungen, welche durch verhäufte Attentate auf Grenzsoldaten und Übergänge,  beispielsweise am 24.Dezember (INN).  Ich frage mich, ob Flughäfenkontrollen oder Grenzkontrollen außerhalb des Schengen-Territoriums ebenso dramatische Beschreibungen erhalten oder man sich das nur hier erlaubt.

⇒ Zwei Aussagen werden für den Leser offen stehengelassen: Die Behauptung, im Westjordanland gäbe es keine Arbeit, und dass Attah Saleh gerne Ingenieur geworden wäre – stattdessen ist er Bauarbeiter in Tel Aviv.

Simple Faktenwiedergabe? Mag sein, aber liest es euch einmal im Kontext durch und aus simplen Behauptungen werden Unterstellungen, wenn nicht gleich Anschuldigungen. Denn wir haben es hier mit einem Artikel zu tun, der ein Ziel hat: Denjenigen, der nach der Ansicht der Redaktion Attah Saleh zu einem „unterdrückten Arbeitnehmer“ macht, zu verurteilen. Kein Wort davon, weshalb es Arbeitslosigkeit im „Westjordanland“ gibt. Kein Wort davon, wieviel Geld die Pal.Autonomiebehörde in die Lebensqualität ihrer Bürger investiert und wieviele Millionen sie jährlich dem israelischen Leihstaat schuldet – sie, die vorgibt, ganz ein souveräner Staat werden zu wollen. Kein Wort davon, wie froh Palästinenser sind, die Möglichkeit zu haben, in Israel zu arbeiten: Einem Staat, den die Mehrheit ihrer Bevölkerung und ihre Regierung als FEINDESLAND deklariert. Und Bauarbeiter; weil die PA offensichtlich keine Ingenieure engagieren kann; oder Herr Saleh hat eben nicht studieren können/wollen. Der Fantasie des Lesers sind keine Grenzen gesetzt – nur Denkweisen vorgegeben.

⇒Stattdessen ist der „Feind in meinem Bus“, Attah Saleh, weiter die Hauptfigur des Theaterspiels á la Apartheid. Aus einer Reihe wartender Arbeiter, die mit demselben Bus wie die Israelis fahren, werden „Palästinenser zweiter Reihe“. Man stellt sich dabei Bushäuschen mit der Aufschrift „nur für Juden“ vor. Sammeltaxi ab dem Checkpoint zur Bushaltestelle nach Tel Aviv? Keineswegs Luxus, sondern erniedrigend.  (- Ich kann mich nicht erinnern, dass mich je ein Sammeltaxi zu meiner Bushaltestelle gebracht hat. Ich musste immer selbst laufen. )

⇒ Und dann kommt natürlich die Siedler-Leiher.

Aus und nach Ariel fahrende Menschen nichtpalästinensischer Herkunft? Siedler.

Auf den Bus nach Tel Aviv wartende Menschen, schon längst hinter dem Grenzübergang? Siedler.

Die einzige zitierte jüdische Israelin, welche sich vor den Arbeitern aufgrund der häufigen Terroranschläge ängstigt? SIEDLERIN in Großbuchstaben. Weil das das Auge fängt – und nicht etwa das Wort „TERRORANSCHLAG„.

⇒ Zum Abschluss wird auf die Bedrohung der „getrennten Busse“ für die palästinensischen Arbeiter hingewiesen. Nicht etwa, weil sie bisweilen ihr eigenes Arbeitsland angreifen. Sondern weil die Siedler es sich wünschen. Und wenn im Moment Attah Saleh auf seiner Rückfahrt nicht kontrolliert wird (wieso auch, er fährt zurück in sein Dorf, raus aus dem „Kernland“!), so soll es nach dem Verteidigungsminister Moshe Ya’alon bald anders aussehen – dann wird auch die Rückfahrt 3 Stunden dauern.

Weshalb?

Weiß der Kuckuck. Weil die palästinensischen Arbeiter dann auch auf dem Rückweg kontrolliert werden? Und wieso? Und wer will diese Verordnung nachweisen?

Ich kann darauf nicht antworten. Aber ihr könnt ja mal eine Nachrage an Frau Patrizia Schlosser, BR-Volontärin, richten, sie weiß es schließlich nach der Fertigstellung eines so nachhaltigen, umfassenden und realitätsnahem Bericht am Besten. Sie wird auch hoffentlich bald antworten – sofern sie nicht im Stau zwischen Ariel und Tel Aviv auf einer der Siedlerautobahnen feststeckt.

Aktuelles || Neues Hobby

Shalom, Freunde,

wünsche euch von Herzen eine gute Woche. Die Welt brodelt wie immer und vielleicht in den letzten Tagen ein wenig mehr, und vor allem die Kontinente Europa und Afrika. Europa? Es wird wohl keinen Menschen geben, der davon nicht gehört hat – der „11.September Frankreichs“ ist angebrochen, und dank der Erschütterung, welche die Attentate auf die Journalisten und auf die Juden in der westlichen Welt hervorgerufen haben, hatte die Presse auch viel darüber zu berichten. Über 3.7 Millionen gingen infolge der Terrorwelle auf die Straßen Frankreichs. Die westliche Welt liebt das Phänomen der Demos. Demonstrationen und Massenaufmärsche, insbesondere wenn sie mit dem Titel „Menschenaufgebot des Jahres/der Jahrhunderts/der Geschichte“ versehen werden, werden so zum allmächtigen Heilmittel gegen alle ideologischen Epidemien erklärt, welche Europa und Amerika in den letzten Jahrzehnten plagen.

So also gab es auch nach den Terroropfern von Paris die Riesendemo, auf welcher auch und vor allem Staatsfunktionäre, solche, die sich ja auch sonst sehr gut verstehen  – die Vorstände der EU, Benjamin Netanyahu, PA-Chef Mahmud Abbas – nicht fehlen durften.

Und warum sage ich Afrika?

Kaum einer hat’s gemerkt, denn vor lauter Erschütterung in Europa ist das neueste Massaker der islamischen Terrorbewegung Boko Haram in Nigeria an über 2000 Menschen – Frauen, Kindern, Alten – stumm an uns vorbeigegangen. Das heißt, es wurde darüber berichtet – z.B. hier. Aber erschüttert hat es die Öffentlichkeit offenbar nicht besonders. Nigeria ist zu weit, um politischen Nachhall zu verursachen. Auch wenn die Opferzahl bei weitem jeden 11.September, den der USA und den von Frankreich, schon seit Langem überschattet…..


Das als kurzes Statement zum Weltgeschehen.

Meinerseits habe ich dank dem Schnee eine kleine Blogpause eingelegt, und bereite mich auf die Interviewphase vor, damit ich euch außer der eigenen Reflektionen auch mit den Ansichten und Aussagen anderer konfrontieren kann, um euch ein breiteres Bild der „Siedler“-Gesellschaft bieten zu können.

Derweilen habe ich mir zwischen Schnee-Sperre, Arbeitssuche und Unterrichtsausfall (was ich lerne, kann man hier lesen) eine neue Beschäftigung gefunden: Wohnungen von Freunden renovieren. Bisher ist die Friedberg-Familie (Zwi und Leah) aus Neve Daniel, dem benachbarten Städchen neben Alon Shvut, mein einziger „Kunde“, und für die habe ich begonnen, das Zimmer einer ihrer Töchter zu renovieren. Das bedeutet im Großen und Ganzen, die Wand abzuschrubben, Spachtel anzubringen (was in Hebräisch übrigens ebenso ’spachtel‘ genannt wird), mit Silikon die Tür- und Fensterrahmen zu isolieren und die Farbe aufzutragen. Erfahrung im Métier dürfte ich spätestens seit der Streichung meines Karavans haben, den ich auch teilweise selbst in Stand gebracht habe.

Spaß macht es, muss ich sagen. Renovier- und Bauarbeiten sind, wie ich schon einem meiner vorherigen Beiträge (⇒hier) ausgelegt habe, sehr beliebt in Siedlungen; und obschon die meisten Häuser von arabischen Arbeitern aus der Gegend errichtet worden sind, ist dennoch rege Bautätigkeit unter den Juden in den Siedlungen zu verzeichnen. Jugendliche verdienen sich so ihr Taschengeld oder verbringen damit geschwänzte Schulstunden; Karavanviertel werden durch Eigeninitiative erweitert, und Grund zum Bau gibt es immer genug: Mal beantragt die Regierung den Bau von Wohneinheiten (und handelt sich damit die berühmten UNO-Resolutionen ein), oder sie verhängt Baustopp – dann erst recht.

Als „Dank“ für meine Mühe bat ich Zwi und Leah, mich weiteren Bekannten zu empfehlen. Das Geschäft – so wie jedes Geschäft in diesem Erdteil  – lebt vom Hörensagen, und wenn sich das rumspricht, kann ich noch ein bisschen mehr in der Branche aktiv werden, und sammle auch wertvolle Erfahrungen in einem Gebiet, zu dem man als Großstadtbewohner eher keinen Zugang hat.

Eins der weniger bekannten, aber gewaltigen Vorteile der Abgeschiedenheit des Siedlungslebens: Man sammelt außergewöhnliche Erfahrungen. Tag für Tag.

Gruß aus Neve Daniel! Der Schnee ist uns vorerst geschmolzen.

Chaya

Dorit* erzählt – Karavan Life 2

(*Der folgende Text entstand aus einem Gespräch. Der Name wurde aus Respekt vor Privatsphäre geändert.)

Dorit ist Ende Dreißig, trägt einen wallenden Rock, eine künstlerisch mit verzierten Tüchern hochgesteckte Kopfbedeckung und ein Hemd in Pastelltönen. Ihre Stimme ist sanft, aber energisch. In der Karavanensiedlung von Alon Shvut – Givat haChish, welche im November 1998 als Vorposten errichtet worden ist,  lebt sie fast seit dem Beginn ihrer Errichtung, und hat die gesamte Entwicklung dieser Gegend von einem unbewohnten felsigen Hügel zu dem, was es heute ist, mitgemacht: Ein Karavanen-Viertel mit mehr als 30 Familien und Singles, mit asphaltierter Straße, städtischer Wasser- und Stromversorgung, einem Kinderspielplatz, Synagoge und einer regen Bautätigkeit  – das allerdings nur privat.

„Die Karavane, die du hier siehst, standen zuvor in Alon Shvut selbst, als es das Viertel hier noch nicht gab“, erzählt sie, „das war vor etwa 14 Jahren, und als dort dann die Genehmigung für offiziellen Bau gegeben worden war, wurden die Karavane hierhin  gebracht. Die Ansiedlung hier gab es schon, die ersten Wohncontainer wurden von irgendwoher beschaffen und hierhergefahren, erst dann kamen die aus Alon Shvut. Vor 16 Jahren wurde das Karavanenviertel erschaffen. Wie? Ganz einfach, zuerst gab es nur an die 5 Wohncontainer, sie wurden entlang der Traktorspuren platziert, der hierher hochgefahren ist, um Platz zu räumen. So wurde die Lage von den Karavanen heute bestimmt, entlang einer Traktorspur.“

20141230_114045Im Laufe der Zeit wurden es dann mehr Familien, und mehr Container, aber bis zu einer geregelten Infrastruktur musste es noch dauern. „Nur ungefähr 3 Jahre nach dem Entstehen der Ansiedlung wurde uns eine asphaltierte Straße gegönnt. Es ist alles sehr träge und lahm, was Wohnentwicklung angeht“, beklagt Dorit. „Der Strom ist hier auf schlechtem Stand, es gab jahrelang immer wiederkehrende Stromausfälle, kaputte Kühlschränke, eine Zeit lang wurde uns nicht gestattet, Klimaanlagen einzubauen, da diese eine zu große Belastung für das schwache Stromnetz  bedeuten würden.“ Viele würden sich über die der Gegend typische starke Kälte beschweren, da das schwache Baumaterial der Wohncontainer nicht in der Lage ist, vor ihr zu isolieren.

„Als wir hierhin gekommen sind, war hier pure Natur, viele Farben. Jetzt, im Zuge der 10599672_10152796084386842_8581155936848669963_nErweiterungen, vergeht das ein wenig, schade“, meint Dorit. Sie  und ihr Mann Shmuel leben hier mit ihren 10 Kindern, sie arbeitet als Sportlehrerin in der Gegend, und ihr Mann ist Baumeister, auch in seiner Privatzeit, in der er schon mehrere Jahre lang an einem Steinhaus hier im Viertel arbeitet, welches den Karavan komplett ersetzen soll.

„Es sind hier einige Familien, die schon seit Beginn hier ansässig sind, wir gelten als Alteingesessene.“ Sollte aber die Genehmigung für die Stadterweiterung auf den Hügel bei der Verwaltung von Alon Shvut ankommen, wird ihr und den Nachbarn dieser Status nicht unbedingt weiterhelfen. „Wir lieben diesen Ort. Viele hier leben hier und können nirgendwo anders hin, und sie wollen es auch nicht. Es gibt hier einige Familien, aus Indien, oder Peru, sie sind fleißig, sie verlangen nicht viel, sie würden gerne einen festen FB_IMG_14195755710915377Wohnsitz hier bauen, aber sie haben kein Geld für ein ganzes Grundstück, oder ein Haus. Wir auch nicht. Die Verwaltung kann uns als Alteingesessene, die den Ort praktisch für sie „gehalten“ haben, nicht ignorieren, und wird uns als Erste einen Grundstückskauf vorschlagen; aber wenn wir nicht zahlen können, werden wir wahrscheinlich gezwungen werden, zu gehen.“

Es ist durchaus keine verschworene Gemeinschaft, wie es vielleicht ausschaut, zwischen den „Siedlern“ des Karavanenviertels und der lokalen Verwaltung. „Wirtschaftliche Interessen sind hier am Werk. Die Verwaltung hat durch uns eine Einnahme von tausenden von Shekeln. Wenn hier die Stadt offiziell weitergebaut wird, werden die Karavane und alle Bauten abgerissen; es wird sicherlich eine Art Luxusviertel entstehen, mit großen Gärten und Villen. Die Verwaltung hat kein allzu großes Interesse an den Wohncontainern, denn die Einnahmen bei einer städtischen Erweiterung werden viel höher ausfallen. Dabei sind wir doch nicht Araber, die sich hier ausbreiten und den Platz einnehmen wollen, wir sind ihre Brüder, wir sind Juden“, kommentiert Dorit mit Bitterkeit in der Stimme.Sie hat noch viel mehr Kritik für die offiziellen Stellen übrig, aber sie meint auch: „Es gibt hier auch solche, die mir nicht zustimmen werden, die sagen werden, ‚Dorit, beschwere dich nicht so viel, schau, was schon gemacht worden ist'“. Dennoch sagt sie: „Ich liebe diesen Ort.“